Archive for May 12th, 2010
Unter den Rothemden in Bangkok

Während bei den Rothemden in Pattaya meist nur Musik gespielt und gefeiert wurde, herrscht in Bangkok nach wie vor eine ganz andere, düstere und gespannte Stimmung in der Luft. Es ist nur ein paar Tage her, als wieder zwei Polizisten ermordet wurden. Das Blut klebt noch auf den Straßen, die Blockaden der Rothemden sind stabil und weite Teile unter ihrer Kontrolle – will man hinein in ihr Lager wird man durchsucht. Einen Tag bevor die Regierung das Militär veranlässt die besetzten Gebiete komplett abzuriegeln mache ich mich auf ins Herzen der roten Demonstranten.

Von Pattaya kommend ist das erste Ziel immer gleich, das östliche Busterminal in Ekamai. Von dort aus fahre ich mit einem der alten klapprigen 71er Busse nach Ramkhamhaeng im mir sehr gut bekannten Bezirk (Khet) Bangkapi. Dort liegt die größte Universität Thailands mit über 600,000 Studierenden landesweit. Hier ist alles ruhig, keine Militärs, keine Polizisten (abgesehen der normalen Verkehrsstreifen) und keine Rothemden. Der Campus ist grün und man kann, sofern man vom starken Verkehr und der immer herrschenden Hektik absieht, der Situation eine gewisse Idylle zugestehen. Als ich mich mit Freunden zum Kaffee treffe ist die Meinung einheitlich – die Rothemden sollen verschwinden, zurück in den Isaan, den ärmeren nordöstlichen Teil Thailands in dem die Rothemden ihre politische Basis haben. Scherzhaft wird eingewendet, viele seien doch nun eh schon wieder zurück in den Isaan. Die Zeit den Reis auszusähen sei ja gekommen. Lachen in der Runde.

In Bangkapi muss ich noch etwas Essen und gehe zu meiner Lieblings “Suppenmutti”. Nach fast zwei Jahren erinnert sie sich immer noch an mich, freut sich und meint ich sei dick geworden – phom kin tom yam chang mak mak – entgegne ich (soll heißen ich trinke  zu viel Bier), und sie lacht. Nun wird es aber Zeit in die Innenstadt zu fahren. Von hier aus gibt es nur ein schnelles, bequemes und günstiges Transportmittel, die Khlongboote. Für 17 Baht werde ich in einer halben Stunde im Zentrum der Roten sein. Mein Ziel heisst Chit Lom. Bereits einige Bootshaltestellen vorher sehe ich die ersten Soldaten, bewaffnet mit den neuen israelischen TAR-21 Sturmgewehren die gerade als Ordonanzwaffen die alten M-16 Gewehre ablösen. Vor einigen Wochen fielen 500 Stück dieser Spezialwaffen in die Hände der Rothemden. Der Verbleib von 300 Stück ist noch immer nicht geklärt.

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Ich bin nun vorsichtiger mit fotografieren, besonders von Menschen, schließlich ist es mir in Thailand nicht nur einmal  passiert, dass ein Polizist oder Sicherheitsmann mir meine Kamera aus der Hand nahm und ich Bilder löschen musste.

Am Bootspier Chit Lom steige ich aus und gehe hinauf zur Brücke die über den Khlong führt. Hier sehe ich einen ersten Vorposten, eine bereits aufgegebene Barrikade aus alten Autoreifen, scharfen Bambusstecken und Stacheldraht.

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Es geht nun weiter zur Sukhumvit Road. Hier halten die Rothemden noch Stellung. Ich gebe mich als nichtsahnender Tourist aus, lasse mich kontrollieren und darf die besetzten Gebiete betreten. Die großen Hotels und Shoppingcenter für die Reichen haben hier bereits seit Wochen geschlossen. Neben privaten Sicherheitskräften bewachen auch Polizisten die Tempel der High-Societies dieser Welt vor Plünderung. Reich neben arm. Auch wird mir nun ganz klar auf welcher Seite die Polizisten stehen. Rote Halstücher haben sie sich umgebunden, darauf zu lesen “Provincial Police for peace – Region 4″.

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In den besetzten Gebieten unter der Skytrain, der Bangkoker Hochbahn, harren sie aus. Männer, Frauen und Kinder. Sie haben Schlafplätze, es werden in großen dampfenden Töpfen Suppen gekocht und es gibt Stellen um sich zu waschen. Wüsste man es nicht anders könnte man von einem mehrtägigen Musikfestival ausgehen. Doch dann sehe ich wieder die vielen aufgehängten Bilder, Fotos der Geschehnisse der letzten Wochen. Dass hier keine Fotos der erschossenen und bei Anschlägen getöteten Soldaten und Zivilisten hängen ist verständlich, jedoch auch nichts weiter als einseitige Propaganda.

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Schließlich komme ich am östlichen Siam Suare (Intersection Sukhumvit/Ratchaphrasong) an. Dort steht auf einer großen Bühne einer der Führer der Rothemden, auf seinem T-Shirt ein Bild Mahatma Gandhi’s mit dem Schriftzug “cool like Gandhi”. Über ihm ein großes rotes Banner auf dem “peaceful protestors, not terrorists” zu lesen ist.

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Was viele Thailänder mit denen ich spreche auch sehr verstört, ist die Tatsache dass nicht wenige buddhistische Mönche sich bei den Protesten der Rothemden beteiligen. Es passierte vor ein paar Wochen sogar eine recht amüsante Situation. Die Rothemden stellten die Mönche an die vorderste Front, ihnen gegenüber das Militär. Der Sinn sollte darin bestehen, dass ein Soldaten natürlich nie einen Mönch zurückträngen oder gar schlagen würde. Es kam aber anders, das Militär veranlasste die weiblichen Soldatinnen an deren vorderste Front zu stellen. Ein buddhistischer Mönch darf nämlich unter keinen Umständen jemals eine Frau berühren. So mussten die Mönche mit jedem Schritt den die Soldatinnen vorantraten einen Schritt zurücktreten.

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Vor meinem Rückweg nach Pattaya fahre ich noch in die Silom Road. Hier kam es in den letzten Wochen auch zu schweren Auseinandersetzungen. Bereits vom Skytrain aus sehe ich das große Lager der Rothemden im Lumphini-Park. Ein Durchkommen ist hier nicht möglich, selbst der Skywalk (ein Gehweg unterhalb der Skytrain und über den Strassen) ist mit Stacheldraht abgeriegelt. Davor wachen Soldaten der Royal Thai Army mit Schrotflinten und Sturmgewehren.

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Es wird sich zeigen wie die Proteste weitergehen und wie lange sie noch dauern. Die Regierung Abhisit hat nun beschlossen (12.05.2010) die Zugänge zu den besetzten Gebieten abzuriegeln und die Rothemden auszuhungern. Diese wiederum zeigen sich davon wenig beeindruckt und wollen erst abziehen wenn die Regierung Abhisit die Verantwortung für die toten Demonstranten übernimmt. Würden dann etwa auch die Führer der Rothemden, allen voran der flüchtige Verbrecher und Ex-Premierminister Thaksin Shinawatra die Verantwortung für die ermordeten Soldaten und Zivilisten übernehmen?