Als wäre hier nie etwas passiert

Als ich Freitag nachmittags in Bangkok spazieren ging war es ein wirklich merkwürdiges Gefühl. Der ganze Trubel auf den Strassen und Gehwegen hat schon längst wieder seinen gewohnten Lauf genommen. Es ist eine komische Vorstellung, dass wir hier vor zwei Wochen komplett alleine auf der Petchaburi Strasse waren und sich dort jetzt wieder tausende Menschen tummeln. Das Geschäft muss weiter gehen, vor allem für die vielen kleinen Verkäufer die nahezu ihre Existenz verloren haben weil sie solange schließen mussten. Beim Durchgehen im Pratunam Markt sehe ich ohnehin einige Geschäfte die nun leer stehen. Auch ganz allgemein kommt mir vor dass nun weit weniger Ausländer als sonst bei normalen Betrieb herumspazieren.

Einziges deutliches Mahnmal der Gewalt bleibt das Central World mit seinem eingestürzten Gebäudeteil.

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Besucht habe ich dann auch noch John der mir wegen der Lyrics zum Lied สันติ ๒๕๕๓ geholfen hat. Da er mich eingeladen hatte war ich so frech einfach mal unangemeldet bei ihm im Büro vorbeizuschauen. John ist gebürtiger Däne und lebt nun schon eine Zeit hier. Er hat etwa 5-6 Thaiangestellte die allesamt Programmierprofis sind. Er lebt direkt über seinem kleinen Büro und ist denke ich ein sehr fleissiger und bescheidener Mensch. Falls jemand auf der Suche nach einem guten Websiteprogrammierer zu sehr günstigen Preisen ist -> J.S. IT & Software.

Endgame Bangkok (2): Central World brennt, Armee rückt vor

(Erster Teil hier)

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Erstaunlich ist beim Herumgehen im verlassenen Camp, dass die Rothemden nahezu alles zurückgelassen haben. Persönliche Gegenstände wie Familienfotos, Taschen mit Kleidung, Fernseher, Ventilatoren, Kopfpolster, Autos und Motorbikes. In den Kühlboxen liegen noch Eiswürfel, in den Pfannen der Garküchen frisches Essen. Die Menschen müssen wirklich in absoluter Panik das Lager verlassen haben als die Armee vorrückte. Eine so schnelle Flucht kann man sich nur damit erklären, dass die Leute Angst hatten die Soldaten würden hier einfach jeden niederschiessen der noch hier ist.

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Vor der Hauptbühne der Rothemden harrt noch eine einzige Frau aus. Sie hält eine Flagge in der Hand. Als die Soldaten zusammen mit der Pressearmee ankommen steht sie auf und beschimpft sie, den Tränen nahe. Sie ist die letzte von zuvor tausenden Demonstranten.

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Für viele Soldaten ist dies wohl auch ein aufregender Tag. Ich sehe nicht selten dass sie sich gegenseitig mit den Relikten der Rothemden fotografieren.

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Immer wieder sehen wir festgenommene Rothemden.

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Die Barrikade an der Kreuzung Chit Lom/Sukhumvit ist vollständig niedergebrannt, genauso eine kleine Polizeibox davor.

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Hier ein Bild der südlichen Barrikade nahe des Lumphini Parks. Die Einsatzkräfte rückten morgens von hier aus Richtung Norden vor. Anders als eigentlich alle anderen Reporter die ich sehen konnte ging ich von der Nordseite (Pratunam) durch die letzten Gebiete militanter Schwarzhemden ins ehemalige Camp hinein.

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Wir kommen zurück zur Hauptbühne an der Rajprasong Kreuzung. Mittlerweile steht das Central World in Flammen.

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Es ist wahnsinnig heiß davor zu stehen und Fotos zu machen. Immer wieder hören wir drinnen Explosionen von vermutlich Gasflaschen. Die Glasfassade des ZEN zerspringt immer weiter und fällt vor uns auf den Boden nieder. Die automatischen Sprenkler haben schon längst kein Wasser mehr, die Feuerwehr rückt nicht an. Laut Regierung (Statement kam am nächsten Tag, 20.5.2010), lassen die Rothemden keine Feuerwehr durch. Das muss ich jedoch bezweifeln, denn der Weg von Seiten Chitlom her war zu diesem Zeitpunkt (17:30) bereits frei.
In dem ganzen Trubel treffe ich dann noch James Nachtwey. Er ist einer der besten Fotografen die ich kenne. Ihn einmal zu treffen war mir daher eine große Ehre. Leider hatte er nur kurz Zeit zu quatschen und wollte auch nicht fotografiert werden. Er war gerade einfach nur in seine Arbeit vertieft.

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Bereits Stunden zuvor haben Helikopter über uns Flugblätter abgeworfen. Ab 20:00 Uhr gilt eine allgemeine Ausgangssperre in ganz Bangkok und auch den anderen Provinzen in denen der Ausnahmezustand verhängt wurde. Es ist nun bereits ruhiger geworden, vereinzelt hört man noch Schüsse. Wir gehen unter der BTS Hochbahn die Sukhumvit entlang, mitten auf der Strasse die sonst immer dicht befahren ist. Es ist nahezu dunkel, nur wenige Strassenlaternen brennen. Überall stehen Soldaten und auch Polizisten. Wir treffen einen der nun sehr wenigen Motorbike Taxifahrer und verschwinden.

Endgame: Die Armee stürmt gewaltsam das Lager der Rothemden

Morgens schrieb bereits Michael Yon über Twitter, dass Soldaten die Südseite des Camps der Rothemden gestürmt hätten. Über die Barrikaden die an der Rama IV. zum Lumphini Park errichtet wurden fuhren Panzer und Bulldozer. Zur selben Zeit gab die Führung der Rothemden auf der Hauptbühne bekannt, dass sie aufgeben. Die Verzweiflung und vor allem Enttäuschung unter den Rothemden war groß. Die Soldaten rückten immer weiter vor. Die Menschen verliesen in Panik das Camp und liesen nahezu alles zurück.

Mein Motorbike Taxifahrer fährt mich von der Saphan Asok nach Pratunam. Wir kommen an zwei Armee Checkpoints vorbei doch dürfen passieren. In den engen Strassen des Händlerviertels drängen sich die Menschen, Anwohner, die zusehen was auf der Hauptstrasse vor sich geht. Die Petchburi Road ist menschenleer, die Barrikaden aus Autoreifen sind angezündet.

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Die Rothemden auf der anderen Strassenseite zerstören Telefonzellen und ATMs. Sie schreien wütend. Nicht ratsam dort hin zu gehen, die Armee hat hier noch keine Kontrolle. Ich bleibe unter den Anwohnern. Irgendwie kommt mir vor dass es für viele der hier lebenden Thais fast eine Art Unterhaltung ist. Man schaut zu, lacht untereinander. Ich frage immer wieder ob es halbwegs sicher sei hier oder da weiterzugehen. Man wisse es auch nicht so recht, aber “very nice to meet you”. An der Hauptstrasse in Pratunam sind ebenfalls noch viele Anwohner in den Seitenstrassen. Sie verbarrikadieren sich hinter umgeklappten Holztischen. Die ersten Leute kommen mit Plünderware aus dem ehemaligen besetzten Gebieten der Rothemden. Ein Karton voll schöner Hemden, der andere vollgepackt mit Jeans. Der BigC an der Ratchaprasong wird ausgeräumt. Ein Thai öffnet seine große Tasche, drinn alles Markenbrillen. Tatsächlich Markenbrillen aus den teuren Shoppingcenter und keine Fälschungen wie man sie sonst in Thailand überall bekommt. Er bietet mir die Brillen an, ich solle einfach zugreifen wenn mir etwas gefällt, “today no pay” und er lacht. Dankend und ebenfalls lachend lehne ich ab.

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Die Strassen sind leer an der Kreuzung Pratunam/New Petchburi. Der nördliche Haupteingang ins ehemalige Lager der Rothemden ist verlassen. Ich sehe mich soweit es geht um und renne über die Strasse unter die Brücke. Keine Rothemden, keine Schwarzhemden, keine Armee. Die Barrikade wurde aufgegeben. Davor stehen 5 große Gasflaschen und mehrere zu Bomben umgebaute Feuerlöscher, alle verdrahtet. Wäre die Armee hier rein gestürmt, hätten die Rothemden die Bomben gezündet. Die Wucht der Explosion hätte wahrscheinlich auch die Panzer zerstören können.

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Ein Reporter kommt durch die Barrikade durch, er fragt mich ob er hier weiter gehen könne. Gute Frage, was will man da schon sagen. Hinter der Barrikade sehe ich dann das andere Ende der Kabel die von den Bomben kommen. Eine einfache Motorbike Batterie als Zünder. Mit einfachsten Mitteln effektive Waffen bauen, auch hier zeigt sich das Improvisionstalent der Thais.

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Ich sehe vor mir eine Strasse die im Chaos versinkt. Tage zuvor waren hier noch tausende Anhänger der Rothemden. Nun brennt es auf den Strassen und in Häusern. Plünderer ziehen umher und brechen ATM’s (Bankomaten) auf. Die Alarmsirenen der Banken und Geschäfte erschallen laut. Es gibt hier keine Autorität, es herrscht Anarchie.

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Ich treffe Armand, einen Franzosen der etwa in meinem Alter ist. Wir quatschen darüber wo wir gerade herkommen und wie es dort aussieht. Wir beschließen zusammen weiterzugehen. Die ganze Zeit schon hören wir immer wieder 5,56mm in kurzen Abständen abgeschossen. Wir können nicht genau lokalisieren von wo die Schüsse kommen, aber sie klingen nicht zu weit weg. Plötzlich eine Explosion. Die nördliche Barrikade durch die ich gerade ins Lager gekommen war steht in Flammen. Sofort kommen mehrere Anwohner und versuchen den Brand zu löschen. Das Wasser kommt aus dem Klong unter der Brücke. Die Anwohner müssen bereits damit gerechnet haben, dass diese Barrikade wie die meisten anderen auch, früher oder später in Flammen aufgehen wird. Denn ansonsten wären sie nicht so schnell mit einem Feuerwehrschlauch da gewesen, die normale Feuerwehr hatte zu der Zeit noch keine Möglichkeit ins Gebiet zu kommen.

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Der Gestank von brennenden Gummi wird so schnell nicht aus meiner Nase gehen. Selbst jetzt beim Schreiben dieses Artikels rieche ich wieder den Gestank wenn ich mir die Fotos ansehe. Ein Sanitäter den wir treffen gibt uns mehrere Atemschutzmasken.
Seitlich an der Barrikade entdecke ich noch Benzinbomben die zurückgelassen wurden. Viele davon liegen auch in der Barrikade weshalb es immer wieder zu kleineren Explosionen kommt.

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